„Wir wollen nicht nur Regeln umsetzen.“

„Wir wollen nicht nur Regeln umsetzen.“

Freitag, 19.10.2018

Etwa ein Fünftel der Salzburger Bevölkerung lebt mit Behinderungen. Rechnet man jene Personen dazu die temporär durch Unfälle oder Krankheiten beeinträchtigt sind, erhöht sich die Zahl um ein Vielfaches. Barrierefreies Wohnen ist aber nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigung wesentlich, auch Familien und älteren Personen erleichtert es den Alltag.
Doch wie fühlt sich das an, blind oder mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein? Welche baulichen Voraussetzungen braucht es, um hier gut und sicher voranzukommen? Was ist ein unbedingtes Muss bei Barrierefreiheit? Wie können bestehende Gebäude sinnvoll adaptiert werden? Diesen Fragen stellte sich eine Gruppe von jungen Architekt*innen am Freitag, den 19.10.2018 bei einer Selbsterfahrungsaktion im Blinden- und Sehbehindertenverband Salzburg (BSVS).

Foto: Gruppe mit Dunkelbrille und Taststock
Kennenlernen des Blindenleitsystems Fotocredit: Neumayr/Probst

11 Mitglieder der NEXT Generation, der Anfang 2018 gegründeten Gruppe rund um junge Architekt*innen, Planer*innen aus Stadt und Land Salzburg, Landschaftsplaner*innen  und Innenarchitekt*innen trafen sich am Freitag im Blinden- und Sehbehindertenverband Salzburg (BSVS) zuerst zu einem Frühstück im Dunkeln und danach konnte ein spezieller Parcours mit dem Rollstuhl bewältigt werden. Bei einer gemeinsamen abschließenden Feedbackrunde wurden Fragen, Erfahrungen und Meinungen ausgetauscht.
„Das Leitsystem mit dem Blindenstock selbst auszuprobieren, in völliger Dunkelheit zu essen und sich heiße Getränke einzufüllen und später mit dem Rollstuhl Schwellen und Rampen zu befahren sind persönliche Erfahrungen, die uns Beeinträchtigung hautnah erfahren lässt. Im Hinblick auf barrierefreies Planen und Bauen ein ganz wertvoller Beitrag. Im Rahmen des Architekturstudiums gibt es dazu wenige bis keine Möglichkeiten. Das wollen wir bei dem heutigen Termin nachholen“, so die beiden Organisatoren Stijn Nagels, Mitgründer der „NEXT generation“1) und Horst Lechner zu den Beweggründen für die Teilnahme an der Aktion befragt. Stijn Nagels weiter: „Es geht uns darum, einen realistischen Einblick zu bekommen in eine sehr nahe, aber für viele doch sehr andere Welt.  Durch die Digitalisierung und strenge Reglementierung geht uns heutzutage manchmal ein wenig Hausverstand und Gespür ab. Wir wollen nicht nur Regeln umsetzen, wir wollen in erster Linie für Menschen planen und dafür muss man sich mit den Menschen und ihren Lebenswelten auseinandersetzen. Solch eine Eigenerfahrung hat einen unglaublichen Mehrwert, weil das „Warum“ konkret beantwortet wird.“ Josef Schinwald, Obmann des BSVS: „So eine Selbsterfahrung sensibilisiert nachhaltig und schafft Verständnis für die Bedürfnisse beeinträchtigter Personen. Das ist ganz wichtig. Bei der Begehung öffentlicher Bauten durch Behindertenbeiräte kommt es immer wieder zu Missverständnissen zwischen den betroffenen Personen und den ausführenden Architekten. Daher ist die heutige Aktion mit den Jungarchitekten sehr wichtig. Das eigene Erleben verschafft neue Perspektiven.“ Den Rollstuhlpart übernahm Conny Wibmer, erfolgreiche Rollstuhlbasketballerin.

1) Die Idee zur Gründung der „NEXT generation“-Gruppe hatte Dr. Roman Höllbacher, künstlerischer Leiter der „Initiative Architektur“.

v.l.v.n.r. Conny Wibmer, Horst Lechner, Stijn Nagels, Josef Schinwald, Elisabeth Pertiller
v.l.v.n.r. Conny Wibmer, Horst Lechner, Stijn Nagels, Josef Schinwald, Elisabeth Pertiller Fotocredit: Neumayr/Probst

Barrierefreiheit kein Pflichtfach im Architekturstudium

Bestes Beispiel für ein nach und nach auf Barrierefreiheit adaptiertes Haus ist der Blindenverband selbst. Das ursprüngliche Einfamilienhaus – der Blindenverband bekommt das Haus von der Stadt Salzburg zur Ausübung seiner Leistungen zur Verfügung gestellt – war bis zum Jahr 2006 nicht barrierefrei. Die Klienten mussten eine enge, steile Treppe bewältigen, um in das Büro im Obergeschoß zu gelangen. Mit mehr als 350.000 Euro wurde vor 12 Jahren ein barrierefreier Zubau samt Rampe und einem Lift verwirklicht. „Anhand unseres Hauses sieht man sehr gut, wie schwierig und vor allem kostenintensiv nachträgliche Adaptierungen sind, die letztendlich auch nicht zu hundert Prozent funktionieren. Am besten ist es, Barrierefreiheit von Anfang an einzuplanen“, so Josef Schinwald.
Seit dem Jahr 2016 schafft das BGStG (Behindertengleichstellungs-Gesetz) eine gesetzliche Grundlage dafür. Barrierefreier Zugang bedeutet konkret: rollstuhltauglich, mit Leitsystemen für Sehbehinderte und mit induktiven Hörschleifen für Hörbehinderte. Und trotzdem ist Barrierefreiheit auch bei neueren Gebäuden noch immer nicht selbstverständlich. So gibt es zum Beispiel an der Naturwissenschaftlichen Fakultät kein Blindenleitsystem. „Ich arbeite an der NAWI im Bereich Telekommunikation. In der Zwischenzeit komme ich auch ohne Leitsystem gut voran. Gäbe es eines, müsste ich mich halt nicht so konzentrieren, damit ich auch dorthin komme, wohin ich möchte. Ich kann damit umgehen. Es gibt aber auch blinde Menschen, die weniger mobil sind. Sie brauchen dringend diese Orientierungshilfen im öffentlichen Raum“, erzählt Josef Schinwald, der seit 2007 Obmann des BSVS ist. Ein gelungenes Beispiel für ein Blindenleitsystem ist der Salzburger Hauptbahnhof.

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